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Von Trollen und Menschen

Autor

Jan Dinnebier

Oder wie kann ich verhindern meinen glauben an die Menschheit zu verlieren, wenn ich kompetitive online multiplayer games spiele.

Als junger Schüler habe ich nie den „Ehrgeiz“ verstanden, welchen einige meiner Mitschüler an den Tag legten, wenn es um eine harmlose Runde Fußball in der großen Pause ging. Gnade Gott, wenn hier ein Pass daneben ging oder gar das gegnerische Team „gewann“. Schimpfworte flogen brachialer als der Fußball über den Bolzplatz und ab und zu entdeckten auch Fäuste ihre aerodynamischen Eigenschaften. In der Regel lief es aber halbwegs zivilisiert ab.

Noch viel weniger zugänglich sind mir bis heute die Aggro-Autofahrer, homo Aggromobile. Ich bin mir des Konzeptes, des Menschenverändernden Lenkrades spätestens seit Mr Wheeler bewusst, dennoch kann ich den extremen Hass auf andere Personen im Verkehr nicht nachvollziehen.

Oft wirkt es als würde der kleine Metallkasten jegliches Grundverständnis für Anstand aus seinen Besitzern heraussaugen und nur eine pöbelnde, menschenähnliche Masse zurücklassen.

Die digitale Welt der kompetitiven online multiplayer Spiele setzt dem ganze jedoch mit Abstand die Krone auf. Hier trifft man auf Autofahrende menschliche Hüllen, welche von ihrem Ehrgeiz-Level ausgehend, in der Nationalmannschaft Spielen könnten und aufgrund ihrer Anonymität mit keinerlei Konsequenzen rechnen müssen, wenn sie ihre Verbalen Fäuste zum Tiefschlag ansetzen.

Um das ganze in ein total nicht aussagekräftiges Verhältnis zu setzen: Wenn ich jedes mal einen Euro bekommen hätte, wenn irgendein Mitspieler mir oder meiner Familie den Tod gewünscht hat, dann könnte ich mindestens einmal richtig lecker essen gehen. Dies ist natürlich nur ein Beispiel für die vielen verbalen Übergriffe, welchen ich über die Jahre zum Opfer gefallen bin.

Es wäre schön wenn ich eine Person wäre, welche die negativen Kommentare andere Mitspieler einfach ausblenden könnte, dies ist aber leider nicht der Fall. Allzuoft gehe ich auf das Geschriebene oder Gesprochene ein, was meist zu nichts führt und gern die Situation noch verschlimmert. Gleichzeitig fange ich an, mich über die ganze Situation aufzuregen. Das dies dem eigentlichen Ziel, nämlich entspannt eine Runde daddeln und Spaß haben, im Wege steht, sollte dabei klar sein.

Anzeige ist raus

Die Spieleentwickler sind sich dieser Probleme natürlich bewusst und versuchen der Lage auf verschiedene Arten Herr zu werden.

Viele Spiele geben dabei dem Spieler bereits einige Werkzeuge an die Hand. Eine der gängigsten Methoden, um negatives Verhalten einzudämmen, ist dabei das “Reporting”. In den meisten Spielen ist es möglich, negative Spieler während oder am ende einer Spielrunde zu melden. Wie man es auch aus Sozialen Netzwerken oder anderen Plattformen kennt, füllt man hier ein mini Formular aus und schickt es an den Spielebetreiber. Hier liegt leider aus meiner Sicht eines der größten Probleme dieser Methode, denn der Spieler, der einen report versendet, erhält anschließend keinerlei Informationen, was mit dem gemeldeten Spieler eigentlich geschieht. Es kann sich daher schnell anfühlen, als seien diese reports “nutzlos”.

Einige Spiele haben in den letzten Jahren auch angefangen aus genau der anderen Richtung an das Problem ranzugehen, nämlich Spieler für ihr Verhalten zu belohnen. Hierbei kann jeder Spieler am Ende einer Runde seinen Mitspielern so etwas wie einen “Like” zukommen lassen. Sammelt ein Spieler genügend dieser “Likes” erhält er eine Belohnung. Nice.

Interessante Ansätze in diesem Bereich sind bspw. auch das Anpassen der Warteschlangen Priorität eines Spielers anhand der Bewertungen, welche er von seinen Mitspielern erhalten hat. Die Bewertungen haben hier dann einen direkten Einfluss darauf, wie lange ein Spieler warten muss, damit er einer neuen Runde beitreten kann. Böse Spieler dürfen weniger Spielen, nette Spieler mehr.

Der Spieleentwickler vollführt hier natürlich immer einen Drahtseilakt, denn er möchte nicht zu viele potenzielle Kunden sperren, weiss aber auch, dass der Spielspaß arg gefährdet ist, wenn zu viele Trolle ihr Unwesen treiben.

Aus meiner Sicht wurde hier leider noch lange nicht der heilige Gral gefunden und manchmal habe ich das Gefühl als würde es immer Schlimmer werden.

Stumm ist wer Stummes tut

Was kann man also tun, wenn man weiterhin diese Art von Unterhaltungsmedium konsumieren will aber nicht Opfer der anonymen Hassfront werden möchte.

Mein Rat: Schließt alle Kommunikationskanäle und genießt die Stille. In der Regel blockiere ich jeden Text oder Voicechat, sobald ich ein neues Spiel betrete. Für mich ist es pure Erleichterung, dass ich die Hasstiraden meiner Mitspieler nicht mehr hören oder lesen muss. Eine abgeschwächte Variante ist es natürlich nur einzelne, negative Spieler stumm zu schalten, dies kann das Spiel-Klima enorm verbessern.

Wenn man auf die Kommunikationsmöglichkeiten nicht verzichten will hilft meist nur die Hasser direkt anzusprechen, andere in Schutz zu nehmen und positiv zu bleiben.

Während Georg aus der 6b also wieder über meine verissene Flanke meckert oder Udo mich aus seinem PKW heraus anbrüllt, weil ich mir erlaubt habe mit meinem Rad auf der Straße zu fahren, schalte ich auf mute und genieße meinen Tag.

RE:THINK - Digital waste

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